"Journal", 1996

 

von Berenice Josephine (Berry) Bickle

Malerin und Multimedia-Künstlerin aus Simbabwe

Bickle lebt und arbeitet in Maputo, Mosambik

 

Assemblage: Wasserfarbe, Porzellan, Nägel, Draht, Papiermasse in Kunstharz-Lw. eingeschweißt

54 x 68 cm, Holzrahmen/Glas 65 x 90 cm

Provenienz: Gallery Delta 1996

Sammlung Kunst Transit Berlin

 

Berry Bickle nahm an zahlreichen internationalen Ausstellungen teil, so z. B. 2011 an der Biennale in Venedig. Ihre Arbeiten waren in Deutschland in der Galerie Herrmann und im Institut für Auslandsbeziehungen zu sehen. Aktuell zeigt das Museum für moderne Kunst Frankfurt am Main in der Ausstellung "Die göttliche Komödie" eine große Videoarbeit der Künstlerin.

"Die Vergangenheit ist Ton,

den die Gegenwart nach Belieben knetet.

Unaufhörlich."  (Jorge Luis Borges)

 

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Zum Werk 'Journal' von Berenice Josephine (Berry) Bickle

 

Berry Bickle arbeitet medienübergreifend und mit einer hohen Durchlässigkeit zwischen den künstlerischen Disziplinen. Ihr Spektrum reicht von Malerei, Zeichnung und Keramik über Theater- und Tanzszenografie bis hin zu Installation, Fotografie und Video.

Zu den wiederkehrenden Themen ihres Gesamtwerks gehört die Auseinandersetzung mit totalitären Systemen und den subtilen Beziehungen zwischen Macht, Sprache und Denken. Vor dem Hintergrund, dass in die Sprache einer jeden Gemeinschaft bereits deren Machtstrukturen eingeschrieben sind, sucht sie nach künstlerischen Mitteln, diesen Zwängen zu entkommen.

Dem voraus geht eine intensive Geschichts- und Gesellschaftsrecherche, die die Weltsicht kanonischer Texte der Literatur auf den Prüfstand stellt, um sie schließlich in der kreativen Aneignung - Bickle nutzt hierfür den Begriff "rewriting" - in eine prozesshafte, vielschichtige Neuerzählung zu überführen. Wenn Berry Bickle sich selbst einmal mit der Erzählerin Scheherezade (1) in Zusammenhang gebracht hat, die, um dem Tod zu entrinnen Geschichten erfand und - Dank des gesprochenen Wortes - auch andere Leben zu retten vermochte, dann öffnet sich mit dieser Analogie eine Tür in ihr künstlerisches und biografisches Universum.

 

Die Assemblage "Journal" aus dem Jahr 1996 fällt in eine Entstehungszeit, in der das herrschende gesellschaftspolitische Klima Simbabwes vom Alpdruck autokratischer Willkür, Studenten- und Arbeiteraufständen und der Angst zu sprechen geprägt ist. (2) Zu diesem Zeitpunkt beschäftigt sich die Künstlerin bereits intensiv mit den ästhetisch-philosophischen Theorieansätzen französischer Denker der Postmoderne, die als Denkanregung in ihre sinnlich erfahrbaren Arbeiten einfließen.

 

 

Mein Eintritt in "Journal" verläuft zunächst über die sinnliche Wahrnehmung der (Bild-)Haut. Diese besteht wie die menschliche Haut aus einer Zwei-Schicht-Membran und ist Manufakturarbeit im besten Sinne des Wortes. Bildträger ist eine Leinwand, die Bickle mit handgeschöpftem Naturpapier unterschiedlicher Stärke, Dichte und Oberflächenkonsistenz überzogen hat, so dass sich eine pergamentartige Wirkung mit leicht glänzender Oberfläche entfaltet. An den Rändern gibt der zarte, fast transparente Papierauftrag den Blick auf das darunter liegende lichte Blau der Leinwand frei.

Durch die Verdichtung der Büttenmasse entsteht eine flächenfüllende zweite Bildebene, deren rechteckige Form an die aufgeschlagene Doppelseite eines alten Folianten oder einer Zeitung erinnert. Tastend erschließt sich das Auge die amorphe Bildhaut mit ihren gefurchten und glatten, anschwellenden und abschwellenden Zonen, ihren Einschlüssen, Eingrabungen und Fältelungen.

"Journal", 1996